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Wie können wir Kultur greifbar machen?

  • Autorenbild: Florian Schäffer
    Florian Schäffer
  • 20. Feb.
  • 9 Min. Lesezeit

Neulich musste ich wieder an einen Satz denken, den ein früherer Chef mal gesagt hat: „Kultur braucht man nicht. Man muss die Leute nur gut bezahlen und ihnen spannende Projekte geben.“


Damals fand ich das irgendwie… praktisch. Heute klingt es für mich wie ein Symptom. Nicht von Bosheit, eher von einer bestimmten Brille, durch die man Organisationen sieht. Und wenn man diese Brille nicht bemerkt, hält man sie für Realität.


Viele von uns arbeiten immer noch in Pyramiden. Oben entscheiden wenige, unten machen viele. Das ist kein Zufall und auch keine Dummheit, sondern eine ziemlich logische Antwort auf eine Welt, in der Ordnung, Sicherheit und klare Regeln wichtig waren. Das Modell hat seinen Zweck erfüllt. Es war lange ein echtes Upgrade gegenüber Willkür und Chaos.


Nur hat sich die Welt weitergedreht. Bildung ist verfügbar, Expertise sitzt überall, Probleme sind komplexer, Arbeit ist weniger “Abarbeiten” und mehr “Denken, abstimmen, lernen”. Und plötzlich wird aus derselben Pyramide etwas, das sich nicht mehr wie Stabilität anfühlt, sondern wie Reibung. Entscheidungen dauern, Verantwortungen sind diffus, Menschen werden müde, obwohl sie eigentlich motiviert sind.


Das offizielle Organigramm in Organisationen vergleiche ich gerne mit dem Fahrplan der Deutschen Bahn: Wir haben uns gesellschaftlich darauf geeinigt, dass wir den Fahrplan als die Realität ansehen, auch wenn sich ein Großteil der Verbindungen gar nicht daran hält. Die Realität sieht eben ein wenig anders aus.


Frederic Laloux beschreibt das als verschiedene Weltansichten, also unterschiedliche Arten, wie Menschen Macht, Zusammenarbeit, Verantwortung und Sinn erklären. Und diese Weltansichten bauen Organisationen. Nicht andersrum.


Ich will dazu eine kleine Erklärung starten: erst der Blick auf die Pyramide und dann Schritt für Schritt die Weltansichten, die Laloux beschreibt. Nicht als „das Neue ist besser“, sondern als Landkarte. Eine Landkarte hilft vor allem dann, wenn man merkt, dass man sich gerade verläuft.


die impulsive Weltsicht


Man kann Organisationen auch als Antworten auf ein Problem lesen: 𝘞𝘪𝘦 𝘬𝘳𝘪𝘦𝘨𝘦𝘯 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘡𝘶𝘴𝘢𝘮𝘮𝘦𝘯𝘢𝘳𝘣𝘦𝘪𝘵 𝘩𝘪𝘯, 𝘰𝘩𝘯𝘦 𝘴𝘪𝘤𝘩 𝘱𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘦𝘯𝘵 𝘨𝘦𝘨𝘦𝘯𝘴𝘦𝘪𝘵𝘪𝘨 𝘶𝘮𝘻𝘶𝘣𝘳𝘪𝘯𝘨𝘦𝘯 𝘰𝘥𝘦𝘳 𝘸𝘦𝘨𝘻𝘶𝘳𝘦𝘯𝘯𝘦𝘯? Klingt dramatisch, ist aber ziemlich nah an dem, worum es am Anfang der Menschheitsgeschichte ging.


😡 Die impulsive Weltsicht ist so eine frühe Antwort. Sie funktioniert über Macht, Präsenz, Durchsetzung. Nicht über Regeln, nicht über Ämter, weniger über “Prozesse”. Eher über: Wer ist stark, wer ist loyal, wer setzt sich durch.



Wenn man Beispiele sucht, landet man schnell bei Mafia, Straßen-Gang, irgendeinem “Alpha”-Rudel-Bild aus dem Kopfkino. (Wichtig: Das ist keine Romantisierung und auch keine saubere Biologie. Es ist eine Metapher) In dieser Logik entsteht Ordnung nicht durch Vereinbarung, sondern durch Dominanz. Und Stabilität hält genau so lange, bis jemand stärker ist oder bis die Loyalität kippt.


Warum sollte man sich das überhaupt anschauen, wenn wir über Unternehmen reden?


Weil “rot” nicht einfach verschwunden ist. Es taucht nur selten offen auf, weil wir Gesetze haben, Arbeitsrecht, Compliance, all das. Aber die Muster sind manchmal noch da: Entscheidungen “aus dem Bauch” und per Ansage, Regeln gelten für alle außer für die, die gerade Macht haben, Kritik wird als Angriff gelesen, Konflikte werden nicht geklärt, sondern gewonnen. Viel Tempo, viel Mut, viel Klarheit – und gleichzeitig Willkür, Angst, Unterdrückung.


Der Durchbruch dieser Weltsicht ist trotzdem real: 𝗔𝗿𝗯𝗲𝗶𝘁𝘀𝘁𝗲𝗶𝗹𝘂𝗻𝗴 𝘂𝗻𝗱 𝗧𝗼𝗽-𝗗𝗼𝘄𝗻-𝗔𝘂𝘁𝗼𝗿𝗶𝘁ä𝘁. Einer entscheidet, andere führen aus. Das ist im Vergleich zu Chaos ein Riesenschritt. Du bekommst plötzlich schnelle Handlungsfähigkeit. Du kannst überhaupt erst koordinieren, wer was macht. Gruppen können entstehen und zusammenarbeiten.


Der Preis ist hoch: Wenn alles an einer Person oder einer Clique hängt, ist das System extrem abhängig von Stimmung, Ego und Stärke. Und sobald die Führung wackelt, wackelt alles.


Ich mag den Gedanken: Jede Weltsicht ist eine Art Betriebssystem. Rot ist schnell. Rot ist direkt. Rot kann in Krisen erstaunlich effektiv sein. Aber es skaliert schlecht, es ist nicht menschlich, und es produziert auf Dauer mehr Scherben als Struktur.


Weiter geht’s mit: Regeln, Rollen, Ordnung – also dem Übergang raus aus “Wer ist am stärksten?” hin zu “Was ist richtig?”.


die traditionelle, konformistische Weltsicht


Wenn “rot” vor allem über Stärke funktioniert, dann ist “bernstein” so etwas wie die Erfindung von 𝘚𝘵𝘢𝘣𝘪𝘭𝘪𝘵ä𝘵. Nicht mehr: „Wer setzt sich durch?“, sondern: „Was ist richtig?“ Und: „Was ist meine Rolle darin?“


👑 Diese Weltsicht baut Ordnung über Regeln, Moral und klare Zuständigkeiten. Du bekommst ein stabiles Organigramm, wiederholbare Prozesse, verlässliche Abläufe. Das ist nicht sexy, aber es ist ein gigantischer zivilisatorischer Hack: Vorhersagbarkeit statt Dauerstress.


Typische Bilder dafür sind Kirche und Armee. (Und ja: OP passt auch, zumindest in Momenten, in denen Schnelligkeit und klare Kommandos wichtiger sind als Aushandlung.) In solchen Systemen ist Loyalität nicht nur persönlich, sondern institutionell: Man folgt nicht 𝘥𝘦𝘳 𝘗𝘦𝘳𝘴𝘰𝘯, sondern dem Amt, der Regel, der Tradition.


Der große Durchbruch ist: 𝗞𝗼𝗺𝗽𝗹𝗲𝘅𝗶𝘁ä𝘁 𝘄𝗶𝗿𝗱 𝗿𝗲𝗱𝘂𝘇𝗶𝗲𝗿𝗯𝗮𝗿. Wenn alle wissen, was zu tun ist, wenn “richtig/falsch” definiert ist, wenn Entscheidungen per entweder/oder laufen, dann funktioniert das erstaunlich gut. Fairness entsteht innerhalb des Rahmens: Gleiche Regel für alle. Das kann sich richtig gut anfühlen, gerade wenn vorher Willkür war.



Aber genau da steckt auch der Haken: Die Regeln können selbst willkürlich sein. Und sobald sie nicht mehr zur Realität passen, wird das System starr. Abweichung wird nicht als Lernen gesehen, sondern als Problem. Individuelle Entwicklung ist eingeschränkt, weil Zugehörigkeit oft an Konformität hängt.


Das ist der Moment, in dem Leute anfangen, so Sätze zu sagen wie:


❌ „Das haben wir schon immer so gemacht.“


❌ Oder: „Das ist Vorschrift.“


❌ Oder, mein persönlicher Favorit: „Dafür bin ich nicht zuständig.“


Und trotzdem: Man sollte diese Stufe nicht belächeln. Sie hat uns riesige Dinge ermöglicht. Ohne “bernstein” gäbe es keinen verlässlichen Rechtsstaat, keine großen Infrastrukturen, keine Organisationen, die über Generationen stabil bleiben. Das ist ein echtes Upgrade gegenüber Macht und Laune.


Nur passt es schlecht, wenn die Umwelt ständig neu würfelt: Märkte, Technologien, Kundenbedürfnisse, Wissensarbeit. Dann wird dieselbe Stabilität zur Bremse.


Nächster Schritt in der Reihe ist dann die moderne, leistungsorientierte Weltsicht: weniger „richtig/falsch“, mehr „funktioniert es?“ und „wie werden wir besser?“


die moderne, leistungsorientierte Weltsicht


Nach “bernstein” (Ordnung, Regeln, Stabilität) kommt irgendwann dieser kollektive Moment, in dem Menschen denken: 𝘖𝘬𝘢𝘺, 𝘢𝘣𝘦𝘳… 𝘧𝘶𝘯𝘬𝘵𝘪𝘰𝘯𝘪𝘦𝘳𝘵 𝘥𝘢𝘴 𝘢𝘶𝘤𝘩?


Nicht: „Ist es richtig?“, sondern: „Ist es effektiv?“ Und: „Was bringt Ergebnisse?“


✴️ Das ist orange.


Orange sieht Organisationen gern wie Maschinen: Wenn man an den richtigen Stellschrauben dreht, kommt planbar mehr Output raus. Wissenschaft, Vernunft, Messbarkeit, Wettbewerb. Innovation ist nicht “nice to have”, sondern Überlebensstrategie. Wachstum wird zum Beweis, dass man recht hat.


Typische Bilder: Großkonzerne, Wall-Street-Logik, Forschungslabore, überall wo „besser, schneller, effizienter“ als Tugend gilt.



Und fairerweise: Orange hat uns unfassbar viel gebracht.


Der Durchbruch ist riesig:


1️⃣ 𝗜𝗻𝗻𝗼𝘃𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻 als System, nicht als Zufall


2️⃣ 𝗟𝗲𝗶𝘀𝘁𝘂𝗻𝗴𝘀𝗽𝗿𝗶𝗻𝘇𝗶𝗽: Aufstieg durch Ergebnisse (zumindest als Ideal) 


3️⃣ 𝗩𝗲𝗿𝗹ä𝘀𝘀𝗹𝗶𝗰𝗵𝗸𝗲𝗶𝘁: Prozesse, Qualität, Planbarkeit – nicht nur “weil Regeln”, sondern weil es effizient ist


Orange kann sehr befreiend sein, gerade wenn man aus starren Hierarchien kommt. Es ist weniger „Bleib auf deinem Platz“, mehr „Zeig, was du kannst.“ Es kann echte Gleichberechtigung fördern, weil am Ende (theoretisch) Ergebnisse zählen und nicht Herkunft, Titel oder Tradition.


Aber orange hat eine Schattenseite, die viele von uns sehr gut kennen, ohne sie groß erklären zu müssen.


Wenn alles ein Wettbewerb ist, wird irgendwann alles zur Zahl. Dann kippt “Leistung” von Motivation zu Druck. Dann werden Menschen zu Ressourcen, Pausen zu Schwäche und Sinn zu Deko. Man sieht plötzlich Ellbogen, Statusspiele in smarter Verpackung und dieses leise Gefühl: 𝘐𝘤𝘩 𝘣𝘪𝘯 𝘯𝘶𝘳 𝘴𝘰 𝘷𝘪𝘦𝘭 𝘸𝘦𝘳𝘵 𝘸𝘪𝘦 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘭𝘦𝘵𝘻𝘵𝘦𝘳 𝘖𝘶𝘵𝘱𝘶𝘵.


Und ja: Burnout, Erschöpfung und “immer erreichbar” sind nicht aus Versehen so häufig in orangen Kontexten. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein logischer Nebeneffekt, wenn ein System permanent auf Optimierung läuft.


Orange ist also gleichzeitig genial und gefährlich. Genial, weil es Fortschritt möglich macht. Gefährlich, weil es dazu neigt, alles andere platt zu walzen: Beziehungen, Regeneration, Sinn, Menschlichkeit.


Der nächste Schritt in Laloux’ Landkarte wird dann spannend, weil er versucht, genau diese Schwächen zu adressieren: die pluralistische, menschenorientierte Weltsicht – mehr „wir“, mehr Kultur, mehr Einbindung. Und auch die hat ihre eigenen Fallen.


die moderne, pluralistische Weltsicht


Wenn Orange die Welt wie eine Maschine betrachtet, dann ist Grün die Gegenbewegung: 𝘔𝘰𝘮𝘦𝘯𝘵 𝘮𝘢𝘭. 𝘋𝘢 𝘢𝘳𝘣𝘦𝘪𝘵𝘦𝘯 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯. 𝘒𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘡𝘢𝘩𝘯𝘳ä𝘥𝘦𝘳.


Grün nimmt Beziehungen ernst. Gleichwertigkeit. Gemeinschaft. Das Bedürfnis, gehört zu werden. Nicht nur als „nice culture thing“, sondern als echtes Organisationsprinzip. Entscheidungen sollen gemeinsam entstehen. Macht soll verteilt werden. Die leisen Stimmen sollen mit an den Tisch.



Typische Beispiele sind NGOs, Genossenschaften, viele gemeinnützige Organisationen – aber auch Teams in Unternehmen, die bewusst auf “People first” bauen. Und wenn Grün gut gemacht ist, fühlt es sich an wie frische Luft nach einem zu langen Tag in einem Excel-Keller.


Die Durchbrüche sind ziemlich stark:


1️⃣ 𝗘𝗺𝗽𝗼𝘄𝗲𝗿𝗺𝗲𝗻𝘁: Menschen dürfen (und sollen) mehr entscheiden.


2️⃣ 𝗜𝗻𝘁𝗲𝗴𝗿𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻 𝘃𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝗶𝗲𝗱𝗲𝗻𝗲𝗿 𝗣𝗲𝗿𝘀𝗽𝗲𝗸𝘁𝗶𝘃𝗲𝗻: nicht “die beste Idee gewinnt”, sondern “wir hören erst mal alles”.


3️⃣ 𝗪𝗲𝗿𝘁𝗲𝗼𝗿𝗶𝗲𝗻𝘁𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲 𝗞𝘂𝗹𝘁𝘂𝗿: Werte hängen nicht als Poster im Flur, sondern sind wirklich Entscheidungskriterien.


Grün kann eine Organisation resilient machen, weil Zugehörigkeit und Sinn nicht nur an Leistung hängen. Es kann echte Loyalität erzeugen, nicht die Art von Loyalität, die aus Angst kommt, sondern die aus Beziehung kommt.


Aber Grün hat auch einen Schatten, der fast immer aus etwas Gutem entsteht: aus dem Wunsch nach Harmonie.


Wenn 𝘢𝘭𝘭𝘦 gehört werden sollen, kann Entscheidung dauern. Wenn Konflikte sich “unnett” anfühlen, werden sie manchmal nicht ausgetragen, sondern umschifft. Dann wird es freundlich – und zwar immer und an den falschen Stellen. Dann entsteht diese besondere Art von Lähmung, in der alle mega reflektiert sind, aber niemand sagt, was jetzt Sache ist.


Und manchmal wandert Macht in den Untergrund: Wer am besten moderiert, wer am moralischsten wirkt, wer die Gruppendynamik subtil lenkt. Versteckte Machtspiele im weichen Mantel. Das ist nicht böse gemeint – es passiert einfach, wenn man Macht nicht sichtbar gestalten will, sondern hofft, sie löst sich durch “gute Werte” auf.


Grün ist also keine Endstufe. Es ist ein wichtiges Gegengewicht zu Orange. Es heilt viel. Aber wenn es alleine bleibt, kann es ineffizient werden oder konfliktscheu.


Und genau deshalb wird der nächste Schritt spannend: Teal / integrale Weltsicht – der Versuch, Leistung und Menschlichkeit und Selbstorganisation zusammenzubringen, ohne in die jeweiligen Fallen zu tappen.


die integrale, pluralistische Weltsicht


Wenn man die Reihe bis hierhin liest, könnte man denken: Jede neue Stufe ist einfach “besser”. Wie ein Software-Update.


Besser: Eher wie neue Werkzeuge: mächtiger, aber auch anspruchsvoller. Und genau so fühlt sich Teal an.



💫 Teal versucht nicht, Orange mit noch mehr Kultur zu reparieren, sondern macht einen Schritt zur Seite: Weg von „Wer hat recht?“ und „Wer gewinnt?“ hin zu: 𝗪𝗮𝘀 𝗯𝗿𝗮𝘂𝗰𝗵𝘁 𝗱𝗮𝘀 𝗦𝘆𝘀𝘁𝗲𝗺 𝗴𝗲𝗿𝗮𝗱𝗲? Und: 𝗪𝗶𝗲 𝘁𝗿𝗲𝗳𝗳𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗿 𝗘𝗻𝘁𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱𝘂𝗻𝗴𝗲𝗻, 𝗼𝗵𝗻𝗲 𝘀𝘁ä𝗻𝗱𝗶𝗴 𝗠𝗮𝗰𝗵𝘁 𝘇𝘂 𝘀𝗽𝗶𝗲𝗹𝗲𝗻?


Drei Ideen sind dabei zentral:


1️⃣ 𝗦𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁𝗳ü𝗵𝗿𝘂𝗻𝗴


Entscheidungen dort, wo Kompetenz und Kontext sind. Führung wird weniger Position, mehr Funktion. Nicht “Chef sagt”, sondern “Rolle entscheidet” und zwar transparent.


2️⃣ 𝗚𝗮𝗻𝘇𝗵𝗲𝗶𝘁


Menschen sind nicht nur ihre Job-Persona. Teal lädt ein, mehr vom ganzen Menschen mitzunehmen: Intuition, Zweifel, Werte, Verletzlichkeit, Humor, auch das Unperfekte. Und weil man weniger Energie in Masken investieren muss.


3️⃣ 𝗘𝘃𝗼𝗹𝘂𝘁𝗶𝗼𝗻ä𝗿𝗲𝗿 𝗦𝗶𝗻𝗻 (𝗣𝘂𝗿𝗽𝗼𝘀𝗲 𝗮𝗹𝘀 𝗥𝗶𝗰𝗵𝘁𝘂𝗻𝗴, 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗮𝗹𝘀 𝗣𝗼𝘀𝘁𝗲𝗿)


Der Purpose ist nicht “wir bauen das geilste X”, sondern eher eine Art Nordstern: Warum existiert diese Organisation und wie hört sie auf das, was die Umwelt von ihr verlangt? Teal denkt Organisationen eher lebendig als mechanisch.


Das klingt alles ziemlich idealistisch, bis man merkt: man bekommt das nicht umsonst.


Teal bedeutet 𝗨𝗻𝗿𝘂𝗵𝗲. Weil weniger über Hierarchie abgefedert wird. Weil mehr Verantwortung bei vielen liegt. Weil Entscheidungen ständig im Kontext stehen und nicht im Regelbuch. Das braucht Reife, Kommunikationsfähigkeit und eine viel Lust am Lernen. Sonst wird “Selbstführung” schnell zum Tarnmantel für Chaos oder zur Einladung für die Lautesten, doch wieder zu übernehmen.


Und trotzdem: Wenn es klappt, entsteht etwas Wertvolles.


Eine Organisation, die 𝗹ö𝘀𝘂𝗻𝗴𝘀-𝗼𝗳𝗳𝗲𝗻 bleibt, ohne ständig in Debatten zu versinken. Die 𝗩𝗶𝗲𝗹𝗳𝗮𝗹𝘁 nutzen kann, ohne sich zu verlieren. Die 𝘀𝗼𝘄𝗼𝗵𝗹/𝗮𝗹𝘀 𝗮𝘂𝗰𝗵 aushält: Effizienz 𝘶𝘯𝘥 Menschlichkeit. Klarheit 𝘶𝘯𝘥 Flexibilität. Struktur 𝘶𝘯𝘥 Bewegung.


Patagonia wird oft als Beispiel genannt (auch wenn natürlich kein Unternehmen “rein Teal” ist). Holakratie-orientierte Firmen werden ebenfalls gern erwähnt, wobei das Framework allein noch keine Teal-Weltsicht macht. Man kann Holacracy “orange” spielen (als Effizienzmaschine) oder “teal” leben (als Entwicklungsraum). Die Brille entscheidet, nicht das Tool.


Für mich ist Teal deshalb vor allem eine Frage:


𝗪𝗶𝗲 𝘃𝗶𝗲𝗹 𝗞𝗼𝗺𝗽𝗹𝗲𝘅𝗶𝘁ä𝘁 𝘀𝗶𝗻𝗱 𝘄𝗶𝗿 𝗯𝗲𝗿𝗲𝗶𝘁 𝘇𝘂 𝘁𝗿𝗮𝗴𝗲𝗻, 𝗼𝗵𝗻𝗲 𝘄𝗶𝗲𝗱𝗲𝗿 𝗶𝗻 𝗮𝗹𝘁𝗲 𝗠𝘂𝘀𝘁𝗲𝗿 𝘇𝘂𝗿ü𝗰𝗸𝘇𝘂𝗳𝗮𝗹𝗹𝗲𝗻?


Aber eigentlich fängt es hier erst an, interessant zu werden: Kaum eine Organisation ist “eine Farbe”. Die meisten sind Mischwesen. Und genau dort entstehen dann die echten Herausforderungen und die echten Hebel.


Organisationen sind bunt


Damit ist die Reihe einmal komplett: rot, bernstein, orange, grün, teal. Fünf Brillen, durch die Menschen (und damit Organisationen) die Welt sortieren.


Was mir wichtig ist: Das ist keine „wir müssen alle teal werden“-Aufforderung. Eher eine Landkarte, um typische Muster zu erkennen, ohne sofort moralisch zu werden.




Denn genau da passiert oft der Quatsch:

Orange hält Grün für naiv.

Grün hält Orange für herzlos.

Bernstein hält alles darüber für respektlos.

Und Teal hält… na ja, manchmal hält Teal sich einfach für sehr errettet. Auch nicht immer sympathisch.


In der Praxis sind Organisationen sowieso Mischwesen. Nicht nur „die Firma ist orange“, sondern: 𝘥𝘪𝘦𝘴𝘦𝘴 𝘛𝘦𝘢𝘮 𝘪𝘴𝘵 𝘨𝘳ü𝘯, 𝘥𝘢𝘴 𝘊𝘰𝘯𝘵𝘳𝘰𝘭𝘭𝘪𝘯𝘨 𝘪𝘴𝘵 𝘰𝘳𝘢𝘯𝘨𝘦, 𝘥𝘪𝘦 𝘐𝘛-𝘚𝘦𝘤𝘶𝘳𝘪𝘵𝘺 𝘪𝘴𝘵 𝘣𝘦𝘳𝘯𝘴𝘵𝘦𝘪𝘯, 𝘶𝘯𝘥 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘦𝘴 𝘳𝘪𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨 𝘣𝘳𝘦𝘯𝘯𝘵, 𝘸𝘪𝘳𝘥’𝘴 𝘬𝘶𝘳𝘻 𝘳𝘰𝘵. 𝘋𝘢𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘍𝘦𝘩𝘭𝘦𝘳. Das ist einfach die Realität.


Die spannende Frage ist deshalb nicht: „Welche Stufe sind wir?“


Sondern eher:

💡 Wo hilft uns unsere dominante Logik gerade wirklich?

💡 Wo erzeugt sie Reibung, weil sich die Umwelt verändert hat?

💡 Wo tun wir so, als wären wir modern, leben aber alte Muster?

💡 Und wo fehlt uns ein nächster Schritt, weil wir ständig an denselben Themen hängen bleiben?


Ein Beispiel, das ich mag, ist Vergütung oder „Beute teilen“:


😡 Rot: der Stärkste entscheidet.

👑 Bernstein: gleiche Arbeit, gleiche Regeln.

✴️ Orange: individuelle Anreize, Bonus, Leistung.

🧩 Grün: Team, Fairness im Miteinander, Gemeinschaft.

🪴 Teal: möglichst viel Transparenz, Selbstverantwortung, kontextabhängige Lösungen.


Keine dieser Antworten ist “die einzig richtige”. Jede ist unter bestimmten Bedingungen ziemlich logisch. Und jede hat Nebenwirkungen.


Wenn Du aus der Reihe nur eine Sache mitnimmst, dann vielleicht diese:


𝗗𝘂 𝗸𝗮𝗻𝗻𝘀𝘁 𝗲𝗶𝗻 𝗢𝗿𝗴𝗮𝗻𝗶𝘀𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻𝘀𝗽𝗿𝗼𝗯𝗹𝗲𝗺 𝘀𝗲𝗹𝘁𝗲𝗻 𝗹ö𝘀𝗲𝗻, 𝗶𝗻𝗱𝗲𝗺 𝗗𝘂 𝗲𝗶𝗻𝗳𝗮𝗰𝗵 𝗵ä𝗿𝘁𝗲𝗿 𝗶𝗺 𝘀𝗲𝗹𝗯𝗲𝗻 𝗪𝗲𝗹𝘁𝗯𝗶𝗹𝗱 𝗮𝗿𝗯𝗲𝗶𝘁𝗲𝘀𝘁. Manchmal brauchst Du nicht mehr Disziplin, mehr Kultur-Workshops oder mehr KPIs. Manchmal brauchst Du einfach eine andere Brille.

 
 
 

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